Subfluente Währungen
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Subfluente Währungen

 


Fließendes Geld bei stabilen Preisen

Ein Weg zur Überwindung der gegenwärtigen Finanzprobleme

 aus
Schriftenreihe für
menschenwürdige Wirtschaftsordnung

Terra Viva - Heft 4a

Ausgabe 2 vom 12.10.2007

Dieser Text ist eine kurze Zusammenfassung einer ausführlichen Darstellung unter gleichem Titel (Terra Viva Heft 4).
Wegen genauerer Begründungen wird daher
auf die ausführliche Fassung verwiesen.
Siehe ==> Veröffentlichungen.
(70 Seiten, G. Emde Verlag)

von
Günter Emde

Als Schwerpunkte für das politische Handeln wird immer wieder der Abbau der Erwerbslosigkeit und der Abbau der Staatsverschuldung genannt. Zur Lösung dieser Aufgaben wird auf die Ankurbelung der Konjunktur und auf höheres Wachstum der Wirtschaft gesetzt.

Der vorliegende Artikel geht aus von einer Kritik an diesem Lösungskonzept, indem herausgearbeitet wird:

-       Die Erwerbslosigkeit ist in erster Linie eine Folge der Technisierung und Automatisierung der Arbeitsprozesse, auf der anderen Seite gibt es Arbeitsaufgaben in Fülle, die sträflich vernachlässigt werden, weil die Privatwirtschaft daraus keinen Profit erzielen kann und dem Staat die finanziellen Mittel fehlen.

-       Die Staatsschulden haben inzwischen eine Größe erreicht, dass sich der Staat aus der entstandenen Schuldenfalle in der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht mehr befreien kann. Er muss sich ständig neu verschulden und vergrößert dadurch die Zinslast und damit den Bedarf an Neuverschuldung.

-       Die Devise: "Mehr Wachstum!" ist auch unter ethischem Aspekt bedenklich, weil sie den Staat noch mehr in die Abhängigkeit von den Interessen der Wirtschaft treibt, so dass er die Interessen der Bürger, der Umwelt und der nachkommenden Generationen vernachlässigen muss und eine egoistische Ausrichtung der Bürger auf das Streben nach Reichtum und Macht fördert.

-       Eine wesentliche Ursache der heutigen Probleme wird von der herrschenden Politik überhaupt nicht angesprochen, nämlich der Strom an Zinsen, der von allen Bürgern ständig in die Taschen der Kapitaleigner fließt und so die Finanznot der Bürger und des Staates verursacht.

Von engagierten Bürgern wird als Schlüssel zu einem wirkungsvolleren Lösungsweg daher eine Neuordnung des Geldsystems gesehen. Der bekannte (und im regionalen Rahmen auch bewährte) Ansatz besteht in der Erhebung von Gebühren für die Hortung von Geld, anstelle des arbeitslosen Gewinn durch Zinseszinsen. Nachteilig ist bei den praktizierten Systemen der Aufwand und die Unstetigkeit bei der Einziehung der Gebühren. Eine andere Möglichkeit, um dem Staat Geld zufließen zu lassen, besteht prinzipiell in einer schleichenden Inflation, bei der aber das Risiko besteht, dass die Entwicklung außer Kontrolle gerät.

In dem vorliegenden Artikel wird unter der Bezeichnung "Subfluente Währung" eine Kombination aus diesen beiden Ansätzen vorgeschlagen, der die Nachteile beider Verfahren vermeidet. Er hat im wesentlichen folgende Merkmale:

-       Die beiden Funktionen des Geldes - Wertmaßstab und allgemeines Tauschmittel - werden getrennt und mit unterschiedlichen Maßeinheiten versehen: EURO für den Wertmaßstab, FLUDO für das Kaufgeld.

-       Alle Preise für Waren und Dienstleistung lauten wie bisher auf EURO und bleiben stabil. Auch Sparverträge und Darlehen werden in EURO verhandelt.

-       Das Bargeld und die Sichteinlagen (Girokontenbestände) lauten auf FLUDO und unterliegen einer stetigen Abwertung..

-       Zwischen EURO und FLUDO gibt es eine gesetzmäßige Umrechnungsformel derart, dass der Gegenwert eines FLUDO in EURO von Tag zu Tag (um den Bruchteil eines Prozents, den sogenannten Fließsatz) geringer wird. Im Effekt bleiben die Preise (in EURO) im wesentlichen stabil, während der Käufer von Tag zu Tag für die gleiche Ware einen geringfügig höheren Betrag an FLUDO aufwenden muß.

-       Die Umrechnung erfolgt automatisch, ist aber kontrollierbar (kann von jedermann nachgerechnet werden). Der FLUDO spielt daher im Kaufgeschehen keine vordergründig wahrgenommene Rolle. Seine Wertminderung, sein "Fließen" vollzieht sich unter der Oberfläche des EURO. Daher die Bezeichnung "subfluente Währung".

-       Die Abwertung des FLUDO wird durch Ausweitung der Geldmenge bewirkt, die prozentual der Abwertung entspricht. Die geschöpfte Geldmenge fließt dem Staat zu. Er kann sich dadurch aus der Abhängigkeit von den Privatunternehmen befreien und kann endlich das Wohl aller Bürger in Solidarität zu seiner Leitschnur machen.

-       Diese Vorteile werden dadurch erkauft, dass Geldbestände nicht mehr im bisherigen Sinn durch Zinsen u. dgl. automatisch wachsen, sondern stattdessen abnehmen, wenn sie nicht vertraglich in EURO angelegt sind. Die bisherigen Kapitaleigner werden dadurch in der Möglichkeit, ihr Kapital durch Zinsen zu Lasten der Ärmeren zu vermehren, weitgehend gehindert.

-       Je nach der Höhe des Fließsatzes kann der Staat die ihm auf diese Weise zufließenden Finanzmittel dazu verwenden, umfangreiche Aufgaben zum Wohle der Bürger in Angriff zu nehmen. Dabei wird ein Vorgehen in mehreren Stufen vorgeschlagen. Der Artikel gibt Abschätzungen für die dazu erforderlichen Budgets und die dazu jeweils notwendigen Fließsatzwerte.

-       In einer theoretisch möglichen, vorbereitenden Einführungsstufe könnte man es bei einem relativ niedrigen Fließmaß von 0,03 % pro Tag = ca. 0,9 % pro Monat belassen, um mit dem Konzept Erfahrungen zu sammeln. Immerhin würden dadurch für den Staat ca. 60 Milliarden Euro pro Jahr eingespielt, genug, um etwa den Abbau der Staatsschulden in 20 Jahren zu erreichen. Stattdessen könnte auch zunächst der dringende Finanzbedarf bei Bund, Ländern und Gemeinden gedeckt werden, um den Staat wieder zum verantwortungsvollen Handeln für die Belange der Bürger zu befähigen. - Diese Einführungsstufe kann im Prinzip übersprungen werden; man könnte den Übergang zur subfluenten Währung gleich mit der ersten Evolutionsstufe beginnen.

-       In der ersten Evolutionsstufe sollte dann die Arbeitslosigkeit beseitigt werden, indem der Staat die fehlenden Arbeitsplätze finanziert: im Bildungswesen, im Gesundheits- und Pflegewesen, in (wirtschaftsunabhängiger) Forschung und Entwicklung, zur Förderung von Kultur, Musik und Kunst usw. Zugleich sollte der Schuldenabbau eingeleitet werden und die Renten erhöht werden. Erforderlich dazu insgesamt: ein Zusatzbudget in Höhe von ca. 200 Milliarden EURO jährlich; bewirkt durch einen Fließsatz von 0,1 % pro Tag = ca. 3 % pro Monat.

-       In einer zweiten Stufe könnten - etliche Jahre später - alle Lohnnebenkosten abgeschafft werden, also sowohl die Lohn-/Einkommensteuern als auch die Sozialabgaben. Dadurch würde für jeden Bürger die Möglichkeit geschaffen, ohne Formalitäten seine Begabungen und seine Kreativität gegen Entgelt anderen Bürgern zur Verfügung zu stellen. Dies würde eine sehr heilsame Wirkung auf das Betriebsklima haben. In Anbetracht der dadurch fallenden Preise gewinnt der Staat Freiraum für eine wirksamere Lenkung des Verbrauchs durch eine Erhöhung von Verbrauchssteuern (insbesondere Ökosteuern, ferner Devisensteuern usw.), die zur Finanzierung der Sozialleistungen benötigt werden. Ferner wäre eine Bodenreform und möglichst auch eine Reform des Patentwesens in dieser Stufe sinnvoll, wie im Artikel begründet wird. - Dazu erforderlich schätzungsweise zusätzliche 150 Milliarden EURO bei einem auf 0,175 % pro Tag = ca 5,4 % pro Monat erhöhten Fließsatz.

-       In einer dritten Stufe könnte - Jahre bis Jahrzehnte später - evtl. an die Einführung eines bedingungslosen Bürgergelds gedacht werden. Voraussetzung dazu wäre allerdings, dass sich durch den neuen Umgang mit Geld und Gut eine verantwortungsbewusstere Lebenseinstellung herausgebildet hat, so dass durch diese Neuerung ein Motivationsschub entsteht und nicht eine Verringerung der Wertschöpfung durch den Wegfall des Zwangs zur bezahlten Arbeit. - Die dazu erforderlichen Finanzmittel können in der Größenordnung von zusätzlichen ca. 230 Milliarden liegen, die bei einem auf ca. 0,3 % pro Tag = ca. 9,4 % pro Monat erhöhtes Fließsatz hereinkommen.

-       Sollte sich das Konzept in einem Lande bewähren, ist zu erwarten, dass es auch in anderen Ländern übernommen wird. Dies könnte den ärmeren Bevölkerungsschichten endlich eine Lebensperspektive vermitteln und würde sicher zur Überwindung des Terrorismus beitragen, vielleicht sogar diese Gefahr im wesentlichen auflösen.

-       Als utopisches Endziel einer Weiterentwicklung kann in ferner Zukunft die Vision einer Welt ohne Geld am Horizont aufleuchten, in der jeder aus eigenem Antrieb, aus Freude oder aus Verantwortung die notwendige Arbeit verrichtet. Eine solche paradiesische Welt werden wir sicherlich nicht erleben, aber sie mag uns als Leitschnur dienen.

 

Der Artikel schließt mit einer detaillierten Empfehlung für die verantwortlichen Politiker, dieses Konzept durch eine Studie genauer untersuchen zu lassen. Mögen sie sich aufschließen, unsere Probleme nicht nur unter parteipolitischen Erwägungen und nur oberflächlich, sondern endlich grundsätzlich zu analysieren und neue unkonventionelle Lösungsansätze ernst zu nehmen - aus Verantwortung für alle Bürger.

Eine bessere Welt ist möglich -
sie muss nur gewollt werden!

 

 

Nachträgliche Ergänzungen

1.      Zwei Realisierungsweisen einer subfluenten Währung:

  -     Doppelwährung (mit EURO und FLUDO),
  -     Softwährung (ohne FLUDO-Bargeld)

Es gibt eine Variante der subfluenten Währungen, die konzeptionell wesentlich einfacher ist als die hier beschriebene Realisierungsweise. Wenn auf die Benutzung von Bargeld grundsätzlich verzichtet wird (also alle Zahlungsvorgänge mittels Geldkarten, Kreditkarten oder Giro-Überweisungen getätigt werden), dann kann auf alles verzichtet werden, was in diesem Buch über das FLUDO-Geld und die Umrechnungen zwischen FLUDO und EURO gesagt wird. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Erhard Gleich.

Die Geldkarte enthält dann nicht einen gespeicherten FLUDO-Betrag (dessen EURO-Wert sich von Tag zu Tag verringert), sondern einen EURO-Wert und ein Tagesdatum, aus denen sich der EURO-Wert am aktuellen Tag berechnen lässt. Beim Einkauf wird diese Rechnung automatisch ausgeführt, der Kaufpreis vom akutellen EURO-Wert abgezogen und das Ergebnis samt Tagesdatum auf die Karte zurückgeschrieben.

Die Sichtkonten (Giro) werden weiter in EURO geführt und bei Bedarf aktualisiert, indem ihr Wert entsprechend dem Fließsatz verringert wird. Überweisungen und Kreditkarten-Buchungen erfolgen immer durch Abzug vom aktuellen Kontostand am Überweisungstag.

Rechnungen und Sparverträge lauten unverändert auf EURO wie bei der Doppelwährung.

Dieses Realisierungskonzept als "subfluente Softwährung" ist vielleicht leichter zu verstehen, hat aber - wie gesagt - den Nachteil, dass es kein Bargeld gibt. Ihre sonstigen Auswirkungen, Vorteile und Probleme sind ganz gleich denen der subfluenten Doppelwährung.

 

2.   Zu den Abschätzungen der vom Staat schöpfbaren Geldmenge

Wie im Buch mehrfach erwähnt, sind die Abschätzungen der durch den Staat schöpfbaren Geldmenge unsicher. Der Einfluss der zu erwartenden Umlaufbeschleunigung wird hier nur pauschal berücksichtigt. Bei einer erhöhten Umlaufgeschwindigkeit muss ja aus Gründen der Preisstabilität die Geldmenge reduziert werden, so dass das Produkt aus Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit in etwa konstant bleibt. Gemäß Abschnitt 2.2.5.3 wird in dem vorliegenden Text die tatsächliche Geldmenge M1 ersetzt durch eine (sog. effektive) Geldmenge M1e in Höhe von 2/3 von M1. Dies entspricht einer Erhöhung der Umlaufhäufigkeit um den Faktor 1,5 (also um 50 %). Das ist aber nur eine grobe Schätzung, eine genauere Voraussage lässt sich auch kaum machen.

Diese Problematik betrifft nicht nur subfluente Währungen, sondern jedwede umlaufgesicherte Währung, wenn sie als allgemeine Hauptwärhung eingeführt werden soll, also z. B. auch eine Währung nach dem Gebührenkonzept. Und sie betrifft vor allem die Einführungsphase; denn in dieser Übergangszeit zu einer umlaufgesicherten Währung ergibt sich voraussichtlich die Notwendigkeit, ein Zuviel an umlaufender Geldmenge stillzulegen. Nachher ist mit einer Stabilisierung der Umschlagshäufigkeit auf ungefähr konstantem Niveau zu rechnen. Dieses Niveau ist in diesem Heft vorläufig als 1,5fach höher als der jetztige Wert angenommen, entsprechend einer Reduzierung der Geldmenge auf 2/3 ihres Volumens.

Zur Zeit sind Modellrechnungen in Arbeit, die über die Umlaufbeschleunigung und ihre Auswirkungen in der Einführungsphase genaueren Aufschluss geben sollen.

 

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